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Cinema's Choice: ORIENT Wettingen

Das Orient auf der Grenzlinie Baden-Wettingen gehört mit Jahrgang 1923 zu den ältesten Kinos der Schweiz. Seine Monatsprogramme präsentieren Arthouse vom Feinsten mit neuen Filmen, Klassikern und Filmgesprächen. Programmmacher Walter Ruggle kuratiert hier sein Kino im digitalen Raum.

Frances Ha (2012)
Noah Baumbach
USA
86′
Es ist ihre Stadt, sie ist 27 und will immer weitertanzen. Sie tanzt fürs Leben gern, auch von Apartment zu Apartment, von Mann zu Mann, durchs Leben. Am liebsten auch beruflich und an der Seite ihrer besten Freundin Sophie. Balancierend zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und dem Bedürfnis nach Sicherheit. Dann taucht Benji auf, alles könnte anders werden. Aber soll es das? «Manhattan» meets «Oh Boy»: In pointierten Schwarz-Weiss-Bildern fängt Regisseur Noah Baumbach das Lebensgefühl der überstudierten, aber unterbeschäftigten Generation der Endzwanziger ein. Sein schneller, witziger und immer wieder überraschender Film ist wie das Leben von Frances: ständig im Fluss und voller überraschender Wendungen. Hauptdarstellerin Greta Gerwig («To Rome with Love») spielt so einnehmend wie energiegeladen. «Frances Ha» wurde an den Festivals in Berlin und Toronto vom Publikum bejubelt und von der Kritik gefeiert. Der Film zeigt, dass es in den USA abseits der Wiederholungsgeschichten und Endlosfolgen Hollywoods noch ein Kino gibt, das frisch daherkommt und eigenständig erzählen kann.
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«New York davor, eine Geschichte mitten aus dem Leben und ein erfrischender Beleg dafür, dass es auch in den USA noch Filme gibt, die nicht maschinell hergestellt werden.»
Matlosa (1981)
Villi Hermann
Schweiz
94′
Alfredo ist ein ganz alltäglicher Familienvater, der in einem Tessiner Bergtal aufgewachsen ist und in der Stadt das Glück nicht wirklich gefunden hat. Seit zehn Jahren kehrt er wöchentlich mit seiner Frau und den beiden Kindern ins Bergdorf zurück, um den verbliebenen Rest von Freiheit hier noch zu geniessen. Dabei trifft er auf die alten Bekannten, bastelt am Haus seiner Familie, sammelt Schnecken und geht verträumt den Spuren seiner Kindheit nach. Der «Bauernlümmel» von damals hat sich in der Stadt immerhn zum gehobenen Angestellten hochgedient, sich aber gleichzeitig in diesem menschenfeindlichen Labrinth entfremdet. Er ist heimatlos in der eigenen Heimat geworden. Immer wieder taucht in seiner Erinnerung eine Figur aus der Jugendzeit auf: der Matlosa, ein umherziehender Strassenverkäufer, der für Alfredo zu einer Art Vaterfigur geworden war. Ihn hatte man dem Buben damals weggenommen, an die Grenze gestellt, denn für Vagabunden und sonstige Flüchtlinge hatte man wenig übrig in diesem Land. In seinem ersten Spielfilm «Matlosa» erzählt der Tessiner Filmemacher Villi Herrmann (San Gottardo) zusammen mit Kameramann Carlo Varini nahtlos ineinander geflochten die Geschichten von Alfredos Jugend und seiner Gegenwart, mit Poesie und Ausdauer die einen, hektischer und kühl die anderen. Über eine gesellschaftspolitische Parabel hinausgehend, wagt er einen Blick in das Innere seiner Figur und entdeckt eine Welt voller Träume. Ein aussergewöhnlicher Heimatfilm über den Verlust von Heimat, die Suche nach den Wurzeln und die Überbrückung des Grabens zwischen Erinnerung und Wirklichkeit. Alfredo wird verkörpert von Omero Antonutti, der so bravourös den Vater in Tavianis «Padre Padrone» gespielt hat.
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«Omero Antonutti, der Vater aus Tavianis «Padre Padrone», spielt in Villi Herrmanns erstem Spielfilm «Matlosa» Alfredo, einen Vater, den das Leben in die Stadt gespült hat und der sich zurücksehnt ins Dorf im Tessiner Bergtal. »
Cirque de Pic (2020)
Thomas Ott
Schweiz
84′
Unterwegs zum Clown: Mit Elefanten im Zug durch die Nacht reisen... Ein Huhn vor dem Würgegriff eines Kochs retten... Seifenblasen in die unsteten Winde eines voll besetzten Zirkuszelts zaubern - sie ist legendär, die Seifenblasennummer von Clown Pic. Zusammen mit weiteren Auftritten ist sie in «Cirque de Pic» zu geniessen. Sie bildet das Herzstück des liebevollen Porträtfilms, den Thomas Ott zu einem der aussergewöhnlichsten und beliebtesten Clowns seiner Generation gestaltet hat. Emil Steinberger erzählt, wie er von Anfang an von Pic begeistert war und den St.Galler Clown dem Roncalli-Direktor empfahl. Der Kabarettist meint: «Einen Fauteuil nehmen, sich hinsetzen und den Pic-Film angucken. Eine herrliche Geschichte eines Clowns geniessen, eines Clowns, der eine Ruhe ausstrahlt, der uns mit einmaligen Geschichten verwöhnt, ob es Geschichten aus dem Leben oder Geschichten auf der Bühne sind - man verfolgt alles mit einem glücklichen Gefühl, stellt auch fest, dass Pic ein guter Schauspieler ist, schön sprechen kann und einen einmalig guten Gesichtsausdruck hat, ein Ausdruck der einen immer berührt. Thomas Ott hat gezeigt, dass er ein sehr sensibler Filmemacher ist, und uns wieder mal mit Bildern serviert, die uns beruhigen und zum Geniesser machen.»
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«Ein Ausflug in die Zirkus-Welt, mit einem, der den Manegenduft im Blut hat und über Jahrzehnte hinweg das Publikum mit der Poesie des Clowns verzauberte: Pic, zu geniessen in einigen der schönsten Nummern.»
Soleil trompeur (1994)
Nikita Michalkow
Russland
146′
Nikita Michalkow blendet hinein in die vermeintliche Harmonie eines Tages im Jahr 1936. Es ist die Zeit, in der Genosse Stalin sich feiern lässt und beseitigt, was seinem Glück gefährlich werden könnte: Das Volk. In dieser zugespitzten Situation geht es auch am idyllischsten Flecken ums nackte Überleben, kann jede Situation sich im Handumdrehen in ihr Gegenteil verkehren. Dimitri ist von Haus aus Musiker. Er liebte zur Zeit der Revolution die Tochter seines Meisters, schlug sich auf die Seite der Weissen, wurde verhaftet und von einem General der Roten insofern verschont, als der ihn nach Europa entliess. Um von dort nach Jahren wieder heimzukehren, akzeptierte Dimitri die Mitarbeit beim Geheimdienst, für den er an diesem strahlendschönen Sommertag zurückkehrt ins Haus seiner Jugendliebe Maroussia, die inzwischen den roten General Sergei Kotsow (Nikita Michalkow) geheiratet hat und mit ihm und der fünfjährigen Tochter Nadia (Nadia Michalkow) den Ruhetag in der Datscha geniesst. Weil nichts ist, wie es scheint, hat Nikita Michalkow darauf verzichtet, Dimitris Geschichte zu inszenieren. Ihn interessieren die Spannungen im zwischenmenschlichen Bereich, und die zeigen sich am besten im kleinen Rahmen. Wie sein Vorbild Tschechow zieht Michalkow denn auch das Indirekte vor: Er liebt das Spiel mit den Überraschungen, das Spiel mit den unerwarteten Wendungen, er liebt die Tragik im leichten Augenblick, die Komik in der verhängnisvollen Situation, den Blick aufs glitzernde Wasser, das den Boden genausowenig erkennen lässt wie gefährliche Untiefen. Mehrmals lässt er seine Kamera auf einen Raum gerichtet stehen, der neben jenen Räumen liegt, in denen etwas Sichtbares geschieht. Damit offenbart sich erst richtig, was sich nicht einfach zeigt. (Walter Ruggle)
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«Sergei Kotsow (Nikita Michalkow) und seine fünfjährige Tochter Nadia (Nadia Michalkow) geniessen einen Ruhetag in der Datscha. Man schreibt das Jahr 1936, die Ruhe trügt. Wie sein Vorbild Tschechow zieht auch Altmeister Nikita Michalkow das Indirekte in der Erzählung vor.»
«Im Orient gestartet, vom Virus vertrieben: Das darf nicht sein. Der Film von Pablo Larrain gehört zum Aussergewöhnlichsten, was es derzeit zu sehen gibt. Eine visuell und akustisch souverän gestaltete Tour de Force in Chiles Valparaiso.»
Das Mädchen mit der Hutschachtel (1927)
Boris Barnet
Russland
93′
Findet man das kleine Glück in der grossen Stadt? Die junge Hutmacherin Natascha, die mit ihrem Grossvater in einem winterlich eingeschneiten Vorort lebt, muss mit dem Zug vom Dorf nach Moskau pendeln, um ihre Kreationen im Hutladen der extravaganten Frau Irene abzuliefern. Diese führt Natascha gegenüber der Verwaltung als Untermieterin, um mehr Wohnraum beanspruchen zu können. Der tollpatschige Bahnbeamte umwirbt das reizende Mädchen vom Land mit seinem hinreissenden Lächeln. Sie aber geht eine Scheinehe mit dem Provinzler Ilja ein und verschafft ihm so ein Zimmer in Moskau. Mit einem scheinbar wertlosen Lotterieschein, den Irenes Gatte Natascha überlässt, werden die Verstrickungen turbulent. Stilsicher und sozialkritisch beschreibt Boris Barnet die Kontraste zwischen Stadt und Land und die neuen Lebensumstände in Moskau. Drei grosse Schauspieltalente, Anna Stén, Iwan Kowal-Samborski und Wladimir Fogel, bilden das Dreieck der Beziehungen. Ursprünglich als Vehikel zur Bewerbung der Staatslotterie bestellt, machte der Film das Studio reich und das Regie-Naturtalent Boris Barnet als Begründer der lyrischen Komödie berühmt.
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«Am Bluesfestival begleitet traditionell André Desponds einen Stummfilm am Piano. Geht heuer leider nicht live, dehalb hier von einem früheren Jahr das wunderbare Melo aus Russland mit Piano-Begleitung.»
Picture of Light (1993)
Peter Mettler
Schweiz
87′
Frisch von den Visions du réel Nyon, wo er zum Atelier eingeladen war. Zu einer einzigartigen Reise ist der Kanada-Schweizer Peter Mettler in diesem Film aufgebrochen: Er führt uns ans nördlichste Ende des amerikanischen Kontinents: ans Licht. Für mich, sagt Mettler, ist das Kino eine Art zu leben und das Leben zu verstehen. Er liebt es, an Grenzen zu gehen; in «Picture of Light» ist es die Grenze des Lichts, die Grenze der Wahrnehmung. Das Polarlicht (Aurora Borealis) entsteht, wenn die Atome der hohen Erdatmosphäre durch besondere Momente der Sonnenstrahlung zum Leuchten angeregt werden und in Polnähe durch die Magnetfelder besonders gelenkt werden. Das Wissenschaftliche als solches interessiert den Filmer weniger, wenngleich er zu seinem Film durch den Metereologen und Künstler Andreas Züst motiviert wurde. Mettler hat die Grenzerfahrung gereizt, das Team musste bei extremster Kälte filmen, denn je kälter, desto klarer das Licht. Peter Mettler sagt im Film einmal: «Wir leben in einer Zeit, in der die Dinge nicht zu existieren scheinen, wenn sie nicht als Bild eingefangen werden.» Die Fahrt zu den Polarlichtern ist die Bewegung auf eine extreme Erscheinunsgform des Lichts zu und damit eine Herausforderung an den Film, der mit dem Licht steht und fällt. Was fürs Leben gilt, gilt auch fürs Kino: Ohne Licht geht gar nichts.
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«Peter Mettler ist ein aussergewöhnlicher Filmautor, der mit der Kamera und der Montage schreibt wie wenige. Am Festival Nyon gab er soeben eine Masterclass. Wir zeigen seine Suche nach den Polarlichtern.»
«Elena Ferrantes jüngere Bücher kennen alle. Hier ist ihr Erstling, zeitlos gut verfilmt, mit Luca Bigazzi an der Kamera und seinem unverfälschten Blick auf Neapel. Die Frau in Rot auf Italienisch.»
Markus Raetz (2007)
Iwan Schumacher
Schweiz
75′
Die Kunst von Markus Raetz wirkt federleicht und zärtlich beschwingt. Man schaut und staunt und ist verzückt, fragt sich, was einem die Augen mit seiner Hilfe vorzaubern. Iwan Schumacher hält das in seinem Porträt so bewegt fest, dass einem das Schauen und Staunen nie vergehen möchten und man erkennt: Wahrnehmung ist das halbe Leben. Danke, Markus Raetz. Am 14. April 2020 ist der Maler, Bildhauer und Fotograf 78-jährig gestorben. Im internationalen Kunstbetrieb war der Schweizer eine etablierte Grösse. Für den Film von Iwan Schumacher hatte der Berner Künstler erstmals einem Filmteam (Kamera: Pio Corradi) Einblick in sein 40-jähriges Schaffen gewährt. Markus Raetz hat den siebten Sinn für Wahrnehmungen der aussergewöhnlichen Art. Seine Werke verblüffen wie Kunststücke eines Zauberers. Sie hinterfragen unsere Sehgewohnheiten und zeigen uns die Dinge von einer ganz anderen Seite. Bei allem lohnt es sich, mehrmals und genau zu schauen. Bei seinen Überraschungsattacken auf die Sehorgane des Publikums bedient sich der «wohl Klarsichtigste aller Schweizer Künstler» unterschiedlichster Techniken, Materialien und Medien. - Bei filmingo gibt's das verspielt schöne filmische Porträt in der vollen Kinoversion.
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«In Erinnerung an den grossen Schweizer Künstler, der kurz nach Ostern 78-jährig verstorben ist, zeigen wir das schöne Porträt von Iwan Schumacher.»
«Der verblüffende Erstling aus dem Sudan erzählt davon, wohin Glauben führen kann, wenn man nicht auf seine eigene innere Stimme und die Vernunft hört. Wir zeigen den Film, der in den kommenden Wochen im Programm gewesen wäre, hier in Erstaufführung.»
Demain - Tomorrow (2015)
Mélanie Laurent, Cyril Dion
Frankreich
120′
Das ist der Film zur Zeit - und über sie hinaus. Denn: Was, wenn es die Formel gäbe, die Welt zu retten? Was, wenn jeder und jede von uns dazu beitragen könnten? Als die französische Schauspielerin Mélanie Laurent («Inglourious Basterds») und der Aktivist Cyril Dion in der Wissenschafts-Zeitschrift «Nature» eine Studie gelesen haben, die den wahrscheinlichen Zusammenbruch unserer Ökosysteme innerhalb der nächsten 80 Jahre voraussagt, wollten sie sich nicht mit diesem Horror-Szenario abfinden. Sie machten sich zusammen auf den Weg, sprechen mit Experten, besuchen weltweit Projekte und Initiativen, die alternative ökologische, wirtschaftliche und demokratische Ideen verfolgen. Was sie finden, sind Antworten auf die dringendsten Fragen unserer Zeit. Und die Gewissheit, dass eine andere Zukunft möglich ist. «Demain - Tomorrow» zeigt: Sobald Menschen aktiv werden, kann aus einem Traum die Realität von morgen werden. Der inspirierende Film von Mélanie Laurent und Cyril Dion trifft den Nerv der Zeit. Wo auch immer er in den Kinos gelaufen ist, wurde er zum absoluten Publikumsliebling. So war in der Westschweiz seit vielen Jahren kein Dokumentarfilm so erfolgreich wie der mit dem renommierten César prämierte «Tomorrow». Und jetzt ist er weiter zu sehen, zu geniessen, zu entdecken, zu empfehlen, denn: Wir haben nur eine Welt, und für sie sollten wir uns alle engagieren. Mahatma Gandhi hat auf den Punkt gebracht, was das heisst: «Be the change that you wish to see in the world.»
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«Langsam kommt das alltägliche Leben wieder in Bewegung. Höchste Zeit, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, was man im Stillstand vermisst hat, was ein wertvoll erschien und damit was es genaugenommen wirklich braucht im Leben.»
«Wenn die Kinos wieder öffnen, bieten wir begleitend Einsichten ins Leben. Yalom nimmt das Publikum mit auf eine existentielle Reise durch die vielen Schichten der menschlichen Psyche. »

Filmgenuss pur, rund um die Uhr: filmingo bietet eine kuratierte Auswahl an Arthouse-Filmen zum Streamen im Abonnement oder per Einzelmiete. Betrieben durch die Schweizer Stiftung trigon-film.

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